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Le Malaise Allemand



Was ist nur mit den Deutschen los? Alle Medien, alle Politiker, und erst recht alle Wirtschaftsführer verkünden es: Deutschland ist in langjährigem Abstieg begriffen. Einst Europas wirtschaftliche Lokomotive, ist es nun zur Belastung geworden, die Europa herunterzieht.

Die Statistiken sind eindeutig: während das Europa der 15 ohne Deutschland in Wachstum und Beschäftigung bessere Durchschnitte erzielt als die USA, drückt Deutschland den europäischen Durchschnitt so sehr, dass die 15 neben den USA kümmerlich aussehen.

Schon mehren sich die Stimmen, die Deutschlands Abstieg auf portugiesisches Einkommensniveau prophezeien. Die Nachbarn schauen befremdet auf deutsche Lande und Menschen und fragen sich, wieso sich dieses wirtschaftliche Loch in der Mitte des Kontinents aufgetan hat, das Alle herunterzieht.

Jahr um Jahr vergeht, und alles wird nur noch schlimmer. Regierungen hin, Reformen her: Deutschland krebst. Was dominiert ist das Malaise. Ein Wirtschaftsboss empfiehlt öffentlich seinen Kollegen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern, speziell nach Osteuropa, da Deutschlands Politiker hoffnungslos seien. Ergebnis: ein Aufschrei der Politiker und Medien, Vaterlandsverrat!

Dabei hat der Mann recht. Er spricht nur aus was alle Beobachter denken, dass mit diesem Deutschland kein Blumentopf zu gewinnen ist. Es ist besser, wenn deutsche Industrien ins Ausland abwandern, als hier zu Lande kaputt zu gehen oder schmählich dahin zu serbeln. Patriotismus ist fehl am Platz, wenn der noch produktive Teil der Wirtschaft gedeihen soll.

Fieberhaft wird im ganzen Lande nach den Ursachen der Katastrophe gefahndet. Bismarck und Adenauer mit ihrer Rentengesetzgebung sind schuld; Kohl und seine verpfuschte Wiedervereinigung; die Mitbestimmung und das veraltete Bankenwesen, die Globalisierung und der Euro; die Begehrlichkeit der neuen Länder, der Steuerwirrwarr, die Subventionen, und—und—und...

Und die Deutschen selbst? Sind die ganz unschuldig? Sie machen keine Kinder mehr, sie kaufen beim Discounter — wenn sie überhaupt kaufen. Sie schlafen in der Schule, sie bummeln im Studium, sie denken im Betrieb immer an Freizeit, Ferienreisen und baldige Rente. Nur in der Schwarzarbeit sind sie wirklich fleissig und erfinderisch. Passt ihnen das alles nicht, dann wollen sie vom Staat versorgt werden, und wenn der Staat nicht mehr will oder kann, gehen sie demonstrieren.

Ein Zerrbild, sicherlich. Doch fraglos sind viele Deutsche demotiviert, bequemlich, unterqualifiziert, fortschrittsfeindlich. Wie kam das?

Schon einmal in der Geschichte waren die Deutschen demotiviert und unproduktiv. Am Ende des Dreissigjährigen Kriegs war die deutsche Bevölkerung von 18 Millionen um 1618 auf 6 Millionen 1648 zurückgegangen. Die Überlebenden hatten drei Jahrzehnte Mord, Brand, Hunger und Seuchen hinter sich. Sie hatten wieder und wieder alles verloren und am Ende aufgegeben: sich selbst und die Hoffnung auf Besserung. Ziellos zogen sie durch die Lande, stehlend und vagabundierend.

Die deutschen Fürsten waren entsetzt. Mit diesen Menschen konnte man keinen Staat wieder aufbauen, Steuern und Zölle eintreiben, ein Heer finanzieren und Schlösser bauen. Dieses faule Pack musste wieder lernen zu arbeiten, zu gehorchen, fromm zu sein, den Fürsten zu lieben.

So erfanden die Fürsten das Arbeitshaus. Wer nicht fleissig war, sesshaft, arbeitete und Abgaben zahlte, kam ins Arbeitshaus. Bis zum Ersten Weltkrieg war das Arbeitshaus der Schrecken der Bevölkerung. Kinder und Jugendliche wurden noch bis weit ins 20. Jahrhundert mit der Drohung des Arbeitshauses diszipliniert.

Die gewaltige, fast drei Jahrhunderte andauernde Umerziehungs-Kampagne der Fürsten hatte durchschlagenden Erfolg: Dank der Drohung der Zwangsarbeit änderte sich der Volkscharakter radikal. Aus demotivierten, skrupellosen, in Primitivität abgesunkenen Überlebenden wurden graduell die neuen Deutschen: fleissig, fromm, gehorsam, diszipliniert, soldatisch.

Der angeblich angeborene deutsche Volkscharakter war also in Wirklichkeit von den Fürsten auf die Menschen projiziert, ihnen so lange eingebläut worden bis sie wie Pawlows Hunde ihre Peiniger liebten und selbst glaubten, sie seien so wie sie sein sollten.

Nur zwei Perioden gab es, in denen der Druck der Obrigkeit auf die Deutschen nachliess: die Weimarer Republik, und die Bonner Republik. Und prompt zerfiel in diesen Perioden der Volkscharakter. Die Deutschen wurden zunehmend und beunruhigend undeutsch. Mit dem Beginn des Dritten Reichs wurde der Druck wieder unerbittlich erhöht, die kurze Zwischeneiszeit war zuende, und viele Leute liebten bezeichnenderweise die Rückkehr zum Zwang, zu Arbeitsfront, Landjahr, Kriegsdienst.

Die Bonner Republik erwies sich als der härteste Test für den Volkscharakter. Bis etwa 1970 gab es keine Probleme. Nur eine Minderheit der Bevölkerung war durch den relativ kurzen, aber harten Krieg demotiviert und skrupellos geworden. Die Mehrheit der Deutschen stak noch fest in der anerzogenen Zwangsjacke und tat, was das Herz der Finanzminister und der Nachfolger der Fürsten vor Freude hüpfen machte: sie waren fleissig, diszipliniert, bescheiden, kurz gesagt: deutsch.

Ab 1970 — genauer: ab 1968 — setzte mit Macht ein umfassender Entdeutschungs-Prozess ein. Alle tradierten Werte, alle so nachhaltig anerzogenen Tugenden wurden hinterfragt. War es denn richtig, fleissig, patriotisch, diszipliniert, sittlich, ordentlich zu sein? Vielleicht wäre es cool, von allem das Gegenteil zu sein. Wehrdienstverweigerer, Feministinnen, Konsumgegner, Hippies, Unbescheidene und Alternative aller Couleur sägten am deutschen Volkscharakter. Massenweiser Kontakt mit Menschen anderer Länder daheim und auf Reisen untergrub das so lange kollektiv gehegte Empfinden, dass lediglich der deutsche Weg richtig, der deutsche Charakter gültig und im Zweifelsfall allem anderen überlegen sei.

Noch heute —den wirtschaftlichen und sozialen Abstieg des Landes ignorierend — fällt es den meisten Deutschen schwer zu erkennen, dass mit dem deutschen Weg etwas faul ist. Mögen die Warner warnen, die Politiker jammern: der Deutsche erkennt nicht den relativen Abstieg seines Landes. So wie einst die Briten den Verlust des Empire und damit ihrer Weltgeltung jahrzehntelang nicht begriffen, so begreifen die Deutschen nicht, dass ihre wirtschaftliche Führungsrolle in Europa vorbei ist. Deutschland ist zwar grösser, aber nicht mehr reicher.

Wir sehen also einerseits, wie es dem Volk gelingt, seine anerzogenen Reflexe abzustreifen, aus der Kruste herauszukriechen und die Welt mit neuen Augen zu betrachten. Andererseits zeitigt diese Selbst-Entdeutschung bedenkliche wirtschaftliche und soziale Folgen.

Wir beobachten eine fortschreitende soziale Polarisierung: einerseits wird eine finanzielle Oberschicht reicher und erfindet sich ständig neue Formen des Luxus, andererseits erfinden sich die wachsenden Massen der Minderbemittelten alternative Lebensstile, die konsumbewusst, ökologisch korrekt und gesund sein sollen, aber oft nur die neue Armut verbergen. Geländewagen mit 450 PS oder verrostetes Fahrrad, das sind Symbole der Polarisierung.

Während die Bonner Republik ihren Wohlfahrtsstaat errichtete, lief in DDR ein Kontrastprogramm. Ohne Unterbrechung setzte sich der Druck des Dritten Reiches fort, wurde gar noch gesteigert. Andererseits aber wurde dort ein noch umfassenderer Wohlfahrtsstaat auf Armutsniveau installiert, der den anerzogenen Tugenden von Fleiss, Motiviertheit und Verantwortlichkeit zuwiderlief. Als die Berliner Republik entstand, wurde sie mit den Konsequenzen der DDR-spezifischen Entdeutschung konfrontiert, und hat bis heute kein Rezept dagegen gefunden.

Im öffentlichen Raum kollidierten die unterschiedlichen Formen westlicher und östlicher Entdeutschung. Beide Seiten konnten bei der jeweils anderen Seite nicht begreifen „wie Deutsche so sein können“.

In beiden Fällen muss man freilich fragen, ob der jeweilige Wohlfahrtsstaat Ursache oder Folge der Entdeutschung war, oder ob es sich dabei um parallele, sich wechselseitig aufschaukelnde, Entwicklungen handelte.

Fraglos hat sich in beiden deutschen Systemen der Tugenden unterminierende Wohlfahrtsstaat als wirtschaftlich nachteilig erwiesen. Nach gängiger Lesart ist das schlecht, und muss durch Reformen geändert werden. Rot, Grün, Schwarz und Gelb sind sich einig, dass die Wirtschaft wachsen muss, damit Deutschland wieder ein vollwertiger Partner in Europa wird.

Damit dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden kann, ist es für Deutsche und Nachbarn notwendig zu begreifen, dass beide Deutschländer in ihrer fortschreitenden Entdeutschung — begreiflich nach Jahrhunderten der Umerziehung — über das Ziel hinausschossen. Ein psychologisch notwendiges Korrektiv aufgezwungener Verhaltensmuster; ein Schritt zur Selbstbefreiung fand statt; nun sollte das Pendel so weit zurückschwingen, dass die wirtschaftliche Produktivität wieder auf international konkurrenzfähiges Niveau steigt.

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—— Benedikt Brenner